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Haas und die Hianzen

von Albert Schuch


Die erste ausführliche volkskundliche Abhandlung über die Hianzen - sie erschien noch vor Czoernigs Ethnographie (1855-57) und Schröers Wörterbuch (1859) - stammt aus der Feder des gelehrten Bischofs Michael Haas. Geboren am 8. April 1810 zu Pinkafeld, erwarb er sich in Wien das Doktorat der Philosophie, war ab 1837 Professor am Lyceum in Fünfkirchen, von 1846 bis 1853 auch Pfarrer der dortigen Gemeinde, von 1853 bis 1858 Schulrat des Pester Bezirkes, ehe er schließlich am 8. März 1859 sein Amt als Bischof von Szathmár antrat.
Durch rege Korrespondenz mit Pfarrern und Schullehrern aus der Hianzerei brachte er "einen starken Band von handschriftlichen Folioblättern mit lexikographischen Aufzeichnungen, sowie solchen von Liedern, Spielen, Sitten, Gebräuchen, Volkswirthschaftlichem" zusammen. [...] Wenn er von einem seiner Sammler einen frommen Brief, aber ohne die erwünschten folkloristischen Zugaben erhält, schreibt er enttäuscht darunter: "Nichts über die Hienzen"."
Nach seinem am 27. März 1866 in Pest erfolgten Ableben kam diese handschriftliche Sammlung - vielleicht auf dem Umweg über Johannes Ebenspanger - in den Besitz des Pittener Germanisten Johann Willibald Nagl. In Nagls Nachlaß verliert sich leider ihre Spur, wie auch die einer einschlägigen handschriftlichen Arbeit von Ebenspanger. Umso erfreulicher ist es, daß uns ein zweiteiliger Aufsatz über "Die Hienzen. Ein Beitrag zur Völkerkunde in Ungarn."
vorliegt, der 1854 in der Preßburger Zeitung erschienen ist. Der mit "Dr. H." angegebene Autor ist niemand anderer als Dr. Michael Haas. Im folgenden wird der Großteil dieser Arbeit wiedergegeben:

"In den Comitaten Wieselburg, Oedenburg und Eisenburg, an den Grenzen von Steiern und Oesterreich, wohnen Deutsche, die sich selbst Hienzen nennen und auch von Andern so genannt werden." Zur Entstehung des Namens meint Haas, bezugnehmend auf die von Csaplovics und anderen erwähnte Legende vom Grafen Henco: "Für diese Sage spricht aber sonst gar nichts, als ihr Name im Husarenlatein: Hencones = Hienzen und Henzonia = Hienzerei. Heinsius meinte, Hienzen heiße so viel als die hintersten Deutschen, indem sie nämlich unter Karl dem Grossen die hintersten der Deutschen im Osten seines Reiches waren. Andere meinen, sie wären die noch unvermischten Nachkömmlinge der Gothen, - und so viel ist in dieser Beziehung gewiß, daß sie noch viele gothische Wörter und Ausdrücke, wie sie bei Adelung stehen, gebrauchen. Hienzen werden sie vermuthlich darum genannt, weil sie das Wörtlein jetzt "hiatz, hienz" aussprechen. So viel ist außer Zweifel, daß sie seit der Entstehung des Königreichs Ungarn ihre jetzigen Wohnplätze immer behaupteten.

Der Dialect den sie sprechen, ist weder mit der steirischen noch mit der österreichischen Mundart verwandt, wie denn auch ihre Sitten, Gebräuche, Kleidung, ihre Häuser, ihre Volkslieder sich von denen ihrer deutschen Nachbarn unterscheiden. Es trennt sie manchmal nur die Grenzlinie von ihren steirischen und österreichischen Nachbarn, [...] und dennoch sind sie von ihnen sehr verschieden und auf den ersten Blick zu erkennen. Als im vorigen Jahrhunderte die Protestanten verschiedener Ursachen wegen aus dem Salzburgischen auswandern mußten, ließen sich viele in der Hienzerei nieder und wurden seit der Zeit, trotzdem sie protestantisch blieben, echte Hienzen.
Schade, daß bisher kein deutscher Sprachforscher sich in die Hienzerei verirrte. Er hätte uralte Sprachformen, anderswo längst verschollene Wörter, originelle Ausdrücke, Phrasen und herrliche Volkslieder in Hülle und Fülle sammeln können. Wimmer, der Geograph, lebte längere Zeit als Prediger in Oberschützen und konnte sich nicht genug wundern über den Sprachschatz, der in der Hienzerei noch unbeachtet brach liegt. [In Grimm's neuestem Wörterbuche wird z.B. [...] bewiesen, daß Alfanz deutschen Ursprungs ist und verwandt mit fenzen, trügen, narren, und Fienzler ein Narrer. Spienzeln heißt liebeln. "Dos thut mir and" ist auch hienzisch. Zwischen der hienzischen und englischen Aussprache soll eine frappante Aehnlichkeit stattfinden.]

Die Seelenzahl der Hienzen [...] dürfte [...] sich auf 200.000 belaufen. Es gibt mehrere Gattungen, si ita loqui fas est, der Hienzen. Sie scheiden sich in: Spiegel-, Heu-, Stroh-, Wasser-, Mord-, Bum-, Kotzen-, Knödel-, Pelz-, Wolfs-, Brei-, Lercherl-, Herrgotts-, See-, Klee- etc. etc. Hienzen.
Die Spiegelhienzen sollen ihren Namen daher haben, weil sie sich früher des Hemd- oder Janka- (kurzer Rock) Aermels anstatt des Sacktuchs bedienten.
Die Heuhienzen recrutirten und suchten einen Flüchtling im Heu mit den Worten: "Michl, meld' di!" - "Wegenwas nit gor, ihr möcht mi fonga," war die Antwort des Gutversteckten.
Die Mordhienzen sollen sich durch Mord und Brand ausgezeichnet haben während des "Kruzenrummes".
Die Knödelhienzen: "Hiasel, tumml di, wenn ma früah firtig wern, kriegn ma, wenn's Gott will, Knödl." - "A na, Voda, d' Muada muß a wöll'n, sunst kriegn ma kani Knödl."
Die Kotzenhienzen zerschnitten einen funkelnagelneuen Kotzen, um einen alten daraus flicken zu können. Andererseits wird erzählt, daß derRegimentscommandant in Oedenburg für seine Mannschaft mehrere hundert Stück Kotzen bestellte, und eine gebrauchte Kotze als Muster mitgeben ließ. Diese hatte zufälligerweise ein Loch, und die Kotzenverfertiger machten nun in alle ihre abgelieferten Kotzen Löcher, wie die Musterkotze eines hatte.
Die Seehienzen wohnen am Neusiedlersee; diese heißen eigentlich Hechtenstutzer, indem einst ein großer Hecht im Neusiedlersee gefangen und zum Ortsvorstande gebracht wurde, der sagte, dieser Hecht möge aufgehoben werden, bis der Statthalter ankomme, um ihn dann für denselben zuzubereiten. Es wurde nun der Befehl ertheilt, den Hecht wieder in den See zu werfen, damit er aber beim Fangen erkannt werde, wurden ihm die Flöße und der Schweif gestutzt. [Wem fällt bei diesen Streichen nicht sogleich die engste Verwandtschaft mit den "Schwabenstreichen" ein? Die Red.]
Die Herrgottshienzen schickten zwei der Ihrigen in die Stadt, um beim Maler ein Christusbild malen zu lassen, und als der Künstler fragte, ob er den Heiland todt oder lebend, am Kreuze darstellen solle, sollen die Ablegaten nach langer Berathung gesagt haben: "lebend, denn, wenn sie ihn todt haben wollen, wern sie ihn schon selber todtmachen."
Die Bumhienzen haben ihren Namen daher, weil sie beinahe alle Binder sind; sie versorgen das Eisenburger, Szalader, Weszprimer, Somogyer und Baranyaer Comitat mit Schaffeln, Kübeln und dergleichen Waaren aus Tannen- und Fichtenholz.
Die Heu- und Strohhienzen sollen beim Exercieren im "Rechtsum" und "Linksum" begriffsstützig gewesen sein, weshalb der Commandant einem jeden auf den rechten Fuß Heu und auf den linken Fuß Stroß binden ließ und dann "Heu' rum" und "Stroh' rum" commandirte.
Die Breihienzen: Eine Bäuerin kochte Hirsebrei, und als er siedend wurde und zu "schnadern" anfing, ruft sie atemlos ihren Mann herbei, indem der Brei "winni" (wüthend) geworden sei. Der Mann ergriff seinen Knittel und zertrümmerte den Hafen [sic!], nach Andern nahm er sein Feuergewehr und zerschmetterte durch einen Kraftschuß den Breihafen.
Die Lercherlhienzen wollten Lercherl fangen und trieben sie in den mit Mauern und Gräben umgebenen Schloßhof.
Die Sauhienzen treiben mit Borstenvieh Handel.
Die Kleehienzen bauen viel Futterklee.
Die Pelzhienzen wollten bei einem Bau sich alle auf einen Stamm Bauholz setzen, hatten aber nicht Platz darauf in ihren großen pulmerischen Pelzen; da gab ihnen einer den Einschlag, den Stamm in die Länge zu ziehen. Sie entledigten sich der Pelze, um stärker ziehen zu können, und siehe da, sie hatten dann alle Platz, bemerkten aber nicht, daß sie jetzt ohne Pelze sich setzten.
Die Wolfshienzen wollten einen Wolf fangen und seine Leber braten, um stich- und schußfest zu sein, fingen aber des Pfarrers großen Hund in dem finstern Wald und aßen seine Leber mit Heißhunger, indem sie erst später ihren Irrthum gewahr wurden.
Die wälschen Hienzen: Es wurde eine Abtheilung italienischer Soldaten zur Einquartierung angesagt und dabei erzählt, daß dies fürchterliche Leute seien. Ein paar junge Bursche versteckten sich deshalb aus Angst im Stadel; es kam jedoch eine Abtheilung deutscher Cavalleristen statt der Wälschen, von welchen mehrere mit ihren Pferden in denselben Stadel einquartiert wurden, wo sich jene versteckt hatten. Als diese nun unter sich sprachen, stieß der eine Bursch den andern und sprach: "Du Tointl, i verstoih a jeds Wort." - "I a," erwiderte der Andere. - "Hab i doi nit gwußt, daß i wälsch kann." - "Schau, dos muß uns unser Schulmaster g'lernt hob'n, ohne daß wir's g'wußt hob'n."
Die Waldhienzen wohnen in den Grenzwaldungen zwischen Steiern und Ungarn.
Die Weiber der Faltenhienzen tragen kurze Röcke mit tausend Falten.
Die Kroishienzen geben sich viel mit dem Krebsenfang ab. Krebsen = Kroiskäfer. Kroisen = Krebsen. Kroisbach = ein krebsreicher Bach.
Die Mosthienzen bereiten viel Aepfel- und Birnenmost (Cyderwein).

In der neuern Zeit gibt es auch ungrische Hienzen:
Man erzählt sich scherzweise, daß ein Hienz, welcher alljährlich zum Schnitt und Dreschen "in's Ungarn" reiste, prahlte, daß er ungrisch spreche, obwol er außer einigen Flüchen nichts wußte, als jóvan, szamár (gut ist's, Esel), was ihm der Grundbesitzer stets zur Antwort gab, wenn er ihn deutsch fragte, ob er dies oder jenes gut gemacht habe. Während der Revolution wurden auch die Hienzen hart mitgenommen. Einst kam ein martialisch aussehender Honvédoffizier, welcher schnell zu reisen hatte und dem Vorspann gegeben werden mußte. Der Mann, der ihn führen sollte, ging zu seinem Nachbarn und sagte zu ihm: "Hanns, führ' statt meiner den Offizier, denn du kannst ungrisch und ich er versteht nicht deutsch; er sieht rabiat aus und ich fürchte mich vor ihm; Dir wird er gewiß nichts zu Leid thun, weil Du mit ihm ungrisch sprechen kannst, und überdies gebe ich Dir zwei Gulden." Hanns schlug ein; kaum fuhr er eine Strecke, als es dem Offizier zu langsam ging und er dem Kutscher zurief: "Hamar, hamar, szaparán" - "Jován, szamár," war die Antwort und er hieb tapfer in die Pferde. Der Offizier traute entweder seinen Ohren nicht oder er hatte es vielleicht überhört; als er jedoch beim langsameren Fahren die Worte wiederholte und Hanns sein ganzes Ungrisch mit obligatem Fluchen radebrechte, schlug ihn der Offizier ins Genick, und da er trotzdem sein "jován szamár" kläglich fortsagte, so schlug auch der gereizte Magyar fortwährend derb drein, bis er endlich merkte, wo der Fehler stecke; nun ließ er ab vom Schlagen und sagte: "te bolond szamár!" was der Hienze abermals mit "jován, szamár" erwiderte, worüber der Offizier dann herzlich lachte und ihn, auf der Station angekommen, extra noch beschenkte. Im Hause angekommen, fragte ihn der Nachbar, wie es ihm ergangen: "Zuletzt recht gut," gab Hanns zur Antwort; "aber anfänglich wurde ich furchtbar geschlagen, und ich glaube, wenn ich mit ihm nicht ungrisch geredet hätte, er hätte mich todtgeschlagen." "Ja ja," setzte er hinzu, "die Ungarn sind köstliche Leute, aber reden muß man mit ihnen können!

Wohnsitze und Wohnungen: Die Hienzen dehnen sich von der Leitha bis zum Einfluß der Lafnitz in die Raab, also von Altenburg bis Körmend aus. Oedenburg ist die Hauptstadt des Hienzenlandes. Güns, Rust, Wieselburg, Rechnitz, Pinkafeld, Lockenhaus, St. Gotthardt, Bernstein, Großpetersdorf etc. etc. sind die Hauptorte der Hienzerei. Die Gegenden, welche die Hienzen im Oedenburger und besonders im Eisenburger Comitat bewohnen, sind größtentheils gebirgig und mußten mühsam ausgerodet und urbar gemacht werden. Sie bewohnen aber auch romantisch schöne, fruchtbare Thäler, z.B. das Güns-, Lafnitz-, Raab-, Pinkathal und den gesegneten Haidboden am See. Ihre Häuser sind groß und meistens gut aus harten Materialien gebaut. Hie und da finden sich in den Gebirgen auch noch hölzerne Häuser. Die Dächer sind in den Dörfern gewöhnlich von Stroh, in neuerer Zeit werden aber fast durchaus Ziegeldächer gebaut. In jedem Haus befinden sich wenigstens zwei Stuben mit schöner Einrichtung. Hie und da brennen sie zur Winterszeit noch Kienfackeln anstatt Kerzen und gehen zur "Rorate" mit Holzspänen in die Kirche.

Ihrer Körperbeschaffenheit nach sind die Männer der Hienzen durchgehends groß und schlank gewachsen und ein starker, schöner Menschenschlag. Die Weiber und Mädchen arbeiten im Felde gleich den Männern, unter anderm müssen sie auch. - Ihre Kost ist gut und nahrhaft. Ihr tägliches Brod meistens von Kornmehl mit Erdäpfeln vermischt. Gedörrtes Obst, Aepfel- und Birnspalten haben sie das ganze Jahr hindurch. Die starken Plattensee-, dann die rothen Sexarder Weine sind der Lieblingstrunk derHienzen.
Vor einigen Jahren noch trugen die meisten Hienzen ungrische Hosen, eine ungrische dunkel- oder hellblautüchene, beschnürte, mit rothem feinen Leder unterschlagene und beknöpfte Jacke; eine lange Weste mit großen Silberknöpfen, schöne Tuchmäntel, nun aber meistens schon deutsche Stiefelhosen und hie und da auch Pantalons. Das gilt von den Bauern. Die Handwerker, deren es unter den Hienzen sehr viele gibt, kleiden sich alle neumodisch. Auch kommen die "weißen Kopftücheln" der Bauernweiber
schon ab und machen Hauben Platz. Ihre Leinwäsche ist durchaus schön und rein, indem sie nämlich selbst viel Flachs bauen und auch viel von den Steirern und Oesterreichern kaufen.
Industrie: Die Hienzen bestellen ihre Felder meistens mit eisernem Fleiß in Zweifelderwirtschaft. Das Brachfeld benützen sie zu Knollengewächsen und Hülsenfrüchten. Besonders bauen sie viel steirischen Klee und erzeugen auch viel Kleesamen. Zum Dünger sammeln sie im Herbst in den Wäldern Baumblätter ("Streu"), Fichtennadeln und Fichtenäste, die sie zusammenhacken und "Krassa" nennen; dies streuen sie dem Vieh unter und das ist ihr Felddünger.
Der Obstbau wird in der Hienzerei mit Liebe und Eifer betrieben. Am meisten gedeihen die Pfaffen- und Günseräpfel, dann die Wasser-, Frauen- und Plutzerbirnen, die nicht nur viel und guten Cyder liefern, sondern sich auch sehr gut dörren lassen.
Außer den Ruster, Oedenburger und Günser Weinen sind noch die Eisenberger und Rechnitzer mit Recht berühmt.
Zur Erntezeit ziehen die Hienzen schaarenweise "in's Ungarn", unter Steinamanger bis unter Pápa hinab zum Schnitt und dann später zum Dreschen und verdienen sich da das Winterbrod, indem nämlich ihr Gebirgsboden sie nicht alle zu ernähren im Stande ist. Aus dieser Ursache widmen sich viele auch dem Handel und durchziehen als "Buttenträger" die Gegend zwischen Donau und Drau; vor einigen Jahren gingen sie auch in den Gebirgen Oesterreichs und Steiermarks hausiren, was aber in der Neuzeit sehr erschwert wurde.
Als Grenzbewohner verstanden sie sich auf's Schwärzen. Auch handeln sie mit Bauholz, besonders mit "Laden" "in's Ungarn" und mit Wein "in's Deutsche." Ihr Obst verführen sie nach Wien und in Ungarn tauschen sie es für Korn und Gerste ein. Viele haben arrondirte Wirthschaften und ziehen recht schönes Vieh; ihre Pferde sind groß und stark. In Oedenburg und Petersdorf sind die berühmtesten Pferdemärkte. Schöne Kühe sieht man in jedem Dorf.
Die Hienzen haben große Anlagen zu Handwerken und auch zur Kunst. [In ganz Ungarn gibt es nirgends so viele Tuchmacher und Siebbödenmacher als in der Hienzerei. In Oedenburg, Güns, Pinkafeld, Lockenhaus wohnen sehr viele Tuchmacher und Leinweber. Vor Zeiten wurde die hienzische sehr gute, blütenweiße Hausleinwand auch nach Triest geliefert, was aber seit mehreren Jahren schon nicht mehr der Fall ist.]
Es bestehen überall Schulen, obwol bisher kein Schullehrerseminär oder Präparandie zu finden war. Die Schulmeisterei wurde handwerksmäßig betrieben. Der Präzeptor lernte vom Schulmeister, aber nicht nur lesen und schreiben, sondern auch die Musik. -
Die Gemeinden sind meistens in großer Ordnung, und Richter und Geschworene durften selten, wie das in ungrischen Dörfern gewöhnlich, wenigstens früher, der Fall war, auf Regimentsunkosten trinken.
Fleiß, Wirthschaftlichkeit und Ehrlichkeit zählen zu den Haupttugenden der Hienzen. Bettelarme Leute gibt es wenig in der Hienzerei, auch kennt man die Proletarier unter ihnen noch nicht. In den Hungerjahren 1816 und 1817 dankten beinahe alle Hienzendörfer für den ihnen vom Komitat angebotenen Vorschuß.
Mit ihren Nachbarn, den Ungarn und Croaten, dann mit den Oesterreichern und Steirern leben die Hienzen in Friede und guter Nachbarschaft. - Ihren vorigen Herrschaften, den Fürsten und Grafen Eszterhazy, Batthyanyi und Erdödy, den Stiftsherren von Heiligenkreuz und Sankt Gotthardt (kleinere Grundherren gab es nicht in der Hienzerei) dienten sie fleißig und redlich. Sonderbar ist es, daß man in der Hienzerei von keinem Neuntel etwas wußte. In den Gefängnissen findet man selten einen Hienzen. Uneheliche Kinder sind auch äußerst selten, die Kirchen an Sonntagen wie auch an Festen immer gefüllt. Die Geistlichkeit sorgt streng für Zucht und Ehrbarkeit.
In der Hienzerei befinden sich noch mehrere alte Burgen, die leider bisher, wie in ganz Ungarn, zu wenig gekannt sind. Als Grenzlandschaft mußte die Hienzerei auch befestigt sein. Die alten Burgen Forchtenstein, Bernstein, Schlaning, Rechnitz, Eberau etc. bestehen noch und sind in gutem Zustand. In Güssing, Güns, Lockenhaus, Pinkafeld, Rothenturm, Körmend, St. Gotthard etc. befinden sich mehr Ruinen von den alten Schlössern. -
Schöne Kirchen befinden sich in Lockenhaus mit der Familiengruft der Nádasdy (der enthauptete Palatin hatte nämlich in der Hienzerei große Besitzthümer), Sanct Gotthard, Güssing, Pinkafeld, Rechnitz, Petersdorf etc. In Mariensdorf steht auch ein uraltes Gotteshaus, das der Sage nach von Stephan dem Heiligen soll erbaut worden sein. In Wandorf, Oedenburg, Lockenhaus, Eberau, Bernau, Jack etc. bestanden einst reiche Stifte. Gegenwärtig sind nur noch in Forchtenau Serviten, in Güssing Franziskaner und im Stifte St. Gotthard Zisterzienser, in Oedenburg und Güns haben Benediktiner die Schulen; auch findet man in Oedenburg noch einige Dominikaner.

Von den vielen interessanten Sagen der Hienzen nur eine: An der Straße von Petersdorf nach Rothenturm liegt ein kleiner herrschaftlicher Eichenwald; von diesem erzählt die Sage wie folgt:
Der Herr von Rothenturm machte der Gemeinde Rothenturm hundert Joch Ackerfeld streitig, indem er sich auf alte, vergilbte Pergamente berief. Da der Junker des kostspieligen Rechtsstreits kein Ende sah, erbot er sich vergleichsweise sein Eigenthum abzutreten, wenn ihm noch eine letzte Saat bewilligt würde. Die Bauern schmunzelten und schlugen ein. Als sie aber bei der "Hagelfrier" die Felder umgingen um bei dem neuerworbenen Felde zu sehen, was der Junker zu guter Letzt für Frucht gesäet hatte, da war es - o Schrecken - Eichelsaat! Wol schrieen sie über Betrug und Ueberlistung, da sich leicht voraussehen ließ, daß sie kein Zahn mehr schmerzen werde, wenn diese Saat zum Schnitt komme; doch vergebens! Zu deutlich sprach der frischgeschriebene Vergleich, deutlicher als einst das Mönchspergament:

Aber lustig wuchsen die Eichen empor,
Bald knallte dort im Grünen des Junkers Rohr,
Noch sah er zur Lohe schälen manchen Schaft,
Er trank sich noch Stärkung aus braunem Eichelsaft.

Die Hienzen schämen sich nicht, Hienzen zu sein, und über die hier geschriebenen Anekdoten, welche so wie sie gegeben, entstellt oder modificirt, in verschiedenen Blättern erschienen, hat sich noch nie ein vernünftiger Hienz aufgehalten, weil sie sich selbst gegenseitig aus Jux aufziehen und hecheln und gut wissen, daß man dadurch weder ihrer Nationalität nahe treten, noch weniger eine bäuerliche Schwäche lächerlich machen will; vielmehr tragen dergleichen Witze zur Aufklärung und Abstellung gewisser Mißbräuche bei. Man weiß auch, daß selbst ansehnliche Bürger und Beamte noch jetzt stolz sind auf ihre hienzische Geburt und Abstammung. Und sie sind auch aller Ehren wert, die wackeren Hienzen!

Vom Cardinal Batthyanyi erzählt man folgendes verbürgte Bonmot: Er hielt sich als Reichsprimas recht oft und lange in seiner Ahnen Schloß Rechnitz auf und nannte sich selbst scherzweise einen Hienzen, indem nämlich der größte Theil der Hienzerei auch wirklich der Familie Batthyanyi gehört. Einmal führte sich bei ihm ein "Comitatsherr", von dem es allbekannt war, daß er ein Fegfeuer für Bauernsäcke war und außerdem ein übelnotirtes Sujet oder Stück von einer Obrigkeit, als Hienz auf, und der Cardinal brach darüber entrüstet in die Worte aus: "Na, will denn schon jeder Spitzbube ein Hienz sein?"


Zur Frühgeschichte des Begriffs "Hianzen"

Johann Matthias Korabinszkys schon oft zitierten "Almanach von Ungarn auf das Jahr 1778" kann man wohl nach wie vor als geographisch-ethnographische "Geburtsurkunde" der Hianzen bezeichnen. Die "Hienzey", so heißt es dort, sei "eine Landschaft 6 Meilen lang und soviel breit, in der Gegend um Güns herum. Die Inwohner sind Ueberbleibsel von den alten Gothen, haben ihre besondere Sprache, und ihre Trachten. Die Weiber tragen meist schwarze Kittel mit vielen Falten. Die Männer meist weiße Röcke und einen runden herabgelassenen Hut."

Franz Probst hat schon vor längerer Zeit auf einen noch zwei Jahre älteren Beleg für die Verwendung des Wortes aufmerksam gemacht: Im Text der Marionetten-Operette "Die Fee Urgele", die 1776 in Esterhaz aufgeführt wurde, fand er das Wort "Hienzin" als Schimpf- und Spottwort gebraucht.

In der Festschrift für Johann Seedoch (erschienen 1999 als Sonderband XXII. der "Burgenländischen Forschungen") befasst sich nun Harald Prickler unter dem Titel "Das Dach des Burgenlandes" mit der Geschichte des Namens "Geschriebenstein". Im Rahmen der Einleitung kommt er auch kurz auf die hier heimischen Hianzen zu sprechen:

"Schriftlich taucht der Begriff "Hienzen" erstmals nach der Mitte des 18. Jahrhunderts auf, als Bezeichnung für Wagenfuhren, die mit Waren die Maut von Kittsee auf der Reise nach Preßburg passierten; es gibt auch Hinweise, daß am anderen Endpunkt der Reise die steirische Hauptstadt Graz lag. Über den Inhalt dieser Wagenfuhren schweigt die Quelle, wir möchten aber annehmen, daß es sich in erster Linie um Lohnfuhrwerk in fremdem Auftrage gehandelt hat, dessen sich die arme Bevölkerung des hienzischen Kernlandes zur Aufbesserung ihres kargen Lebensunterhaltes bediente, ähnlich, wie seine jungen Burschen und Mädchen sich saisonweise beim Getreideschnitt und -drusch in der Ungarischen Tiefebene bzw. als Hauer und "Grünarbeiterinnen" in den Weinbau-Monokulturzonen ein Zubrot verdienten."

Da als Quelle die im Esterházy-Familienarchiv Forchtenstein aufbewahrten Mautregister von Kittsee der Jahre 1757, 1765-1776, 1786-1800, 1809-1824 genannt werden, können wir davon ausgehen, dass die erste Erwähnung aus dem Jahr 1757 datiert.

Feber (Dez.) 1999, (c) Albert Schuch