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Unter den Heanzen
von Eduard Zetsche (Wien 1883; gekürzt)
Uns schon durch die engste Nachbarschaft und die gleiche bajuwarische Abkunft am nächsten stehend, sind die Deutschen des Eisenburger und Oedenburger Comitates, die, gegen eine Viertelmillion stark, wieder hauptsächlich den bergigen Theil des Landes bewohnen. Dort ist es wunderschön. In den Thälern wie auf den Höhen überall schmucke Dörfer, weissblinkende Kirchen und stolze, noch heute imponirende Burgen; deutsche Eisenritter erbauten diese festen Burgen gegen die asiatischen Steppenreiter, und mehr denn tausend Jahre ist es nun her, dass Karl der Grosse die Urahnen dieser deutschen Bauernschaften aus Franken und Schwaben in die avarische Ostmark entsendete. Mit erhöhter Schnelligkeit drängt nun seit den letzten fünfzehn Jahren, zumal in den Städten, Schlössern und Pfarrhöfen die herrschende magyarische Race vor.

Da wohnen um Forchtenstein und Wiesen herum die Wiesener Obstbauern mit ihrer seltsam singenden und wiederholungsreichen Redeweise, die sie auf etwaige Fragen sagen lässt: "Von da Wiesen sama, und so sama, dass ma san," oder: "Auf Wean fahr' i und so fahre i" oder gar: "In der Stadt bin i gwes'n, und so bin i und so bin i." In der Umgebung von Oedenburg hausen die "Bohn-(Bohnen)züchter", während die Flachgegend um Parendorf von den schwäbischen "Hadbauern" besiedelt ist. Der stärkste und wieder am reichsten gegliederte Stamm unter ihnen ist aber jener der Heanzen.

Von ihnen nennt man die "Hechtenheanzen," die am Neusiedlersee als Fischer wohnen, die "Kotzenheanzen", wohl als durch besondere Unhöflichkeit, beziehungsweise "Kotzengrobheit" ausgezeichnet, die "Pummheanzen", die "Spiegelheanzen", ihrer spiegelglatten Rockärmel wegen, die allerdings weniger auf die Reinlichkeit ihrer Träger, als auf deren Verachtung des Sack- oder Schneuztuches zurückzuführen sind; endlich die "geduldigen Hienzen", welch Letztere als "so viel rari Leut" gerühmt werden. Den eigentlichen Wohnsitz dieser Letzteren zu erfragen, wollte mir allerdings nicht gelingen, so dass ich nun, sogar ohne allzugrosse Bedauern, geneigt bin, jenen Volksstamm von offenbar übertrieben lammfrommen deutschen Geduldsmenschen für mythisch oder wenigstens als bereits seit Längerem ausgestorben anzusehen.

Ueberhaupt aber hören die Heanzen Erkundigungen nach diesen ihren oben aufgezählten Abarten nicht besonders gerne - die kränkende Tendenz dieser Bezeichnungen, die sie als eine Art von Spiess-, Lalen- oder Schildbürgern hinstellen möchten, ist wohl auch nicht zu verkennen. Sie brauchen sich aber nicht spotten zu lassen, denn sie sind ein tüchtiger und begabter Volksstamm, der so berühmte Menschen zu den Seinigen zählen darf, wie Franz Liszt, den grossen Anatomen Hyrtl und jenen Stern an unserem modernen Opernhimmel, der den Namen der Frau Schuch-Proska trägt. Wer länger unter ihnen wohnt, wird sich vor den vielen guten Eigenschaften der Heanzen nicht verschliessen. Sie sind zuverlässig, genügsam und arbeitsfroh, vielfach findiger und beweglicher wie ihre steierisch-österreichischen Nachbarn; dafür aber auch nicht frei von Neid, Spottsucht, List und Verschlagenheit, wie sie denn auch zur Zeit des Bestandes der Zollschranken sich als ungemein talentvolle Schwärzer bewiesen.

Der heanzische Dialect ist wohl überwiegend dem unserer Bauern verwandt, also ein ein altbayerischer; am auffallendsten unterscheiden ihn gewisse Dehnungen und Umlautungen. Statt "Voda" und "Muada" sagt der Heanze "Vooda" und "Muida", es geht ihm nicht "guat," sondern "guid", und Worte wie "Bua" und "gnua" klingen bei ihnen "Bui" und "gnui". Im Ganzen aber sind, zumal in den Grenzbezirken, die Aehnlichkeiten weit stärker, denn die Verschiedenheiten. Der "Halter" spricht auch hier von seiner "Goas'l" (Geissel, Peitsche), der Frühling heisst hier ebenso "der Auswärts", wie im Donauthale der Wachau, und oft, wenn ich selbst am dörflichen Wirthshaustische im Kreise der Honaratioren mein angestammtes Wienerisch losliess, und mich mit saftigen Worten, wie "ummapledern", "bei da Flüg' derglengen", "durchwassern", und ähnlichen erging, da lief es wie ein freudiger Schauer durch die Tafelrunde und Schullehrer, Förster, Bauer, Pferdehändler und Wirth riefen wie aus einem Munde: "Ja, woher wissen's denn die Ausdrück', so sagt ma' ja nur bei uns herin!?" Und wie angenehm war es dann auf der Gartenbank plaudernd neben einem der hübschen und redegewandten "heanzischen Madeln" zu sitzen.

Der obenerwähnte Wirtshaustisch spielt aber durchaus keine grosse Rolle im Leben der Heanzen, die im Gegentheil von musterhafter Mässigkeit sind allen Arten von Lustbarkeiten gegenüber. Selbst in den angestrengtesten Arbeitszeiten des Jahres trinken sie am liebsten ihr Sauerwasser, das in zahlreichen Quellen im Lande zu Tage tritt; auch an Feiertagen sind sie ärmer wie unsere Bauern, da eine grosse Zahl - an Vierzigtausend - gerade der Bergheanzen dem Protestantismus angehört, der ja auch den beliebten "Kirtag" confiscirt oder arg reducirt hat.

Die Bearbeitung des Bodens ist an den steilen Abhängen der ewig wiederholten Bergbuckel dieser Landschaft zugleich eine unendlich mühselige und sorgfältige, wie nur mässig lohende, daher denn seit jeher die Bewohner zu allerlei Handwerk und Handel gegriffen haben, die sie oft weit in die Ferne hinausführen. So verdingen sich, besonders zur "Schnittzeit", stets ganze Schaaren von Heanzen theils hinab nach Tiefungarn, theils weit hinein nach Niederösterreich. In der eigenen später fallenden Erntezeit aber hat es etwas Hinreissendes, zu sehen, mit welchem treibenden Feuereifer, in wie übermüthiger Arbeitslust die Ernte eingebracht wird; das ganze Dorf wiederhallt vom Dröhnen und Klappern der Dreschmaschinen, dem Schreien, Toben und Jauchzen der Burschen und Dirnen. Es herrscht ein ehrgeiziger Wetteifer unter den benachbarten Ortschaften, einander mit der Beendigung dieser Arbeiten zuvorzukommen.

Das Bild eines Markttages ist mannigfaltig genug. Die grasigen, offenen Abhänge sind durch grosse und kleine Gruppen von schlanken Fohlen und buntscheckigen Rindern belebt, den Wiesengrund füllt ein Durcheinander von Verkaufsbuden, in denen Alles zu haben ist, von fliegenden Buschschänken und Garküchen mit offenen Herdfeuern, von Ochsengespannen und flotten "Zeug'ln". Dazwischen drängt sich die dunkelfarbige Menge der Kauflustigen, durchschlängelt von schachernden Juden und Zigeunern, von ernstblickenden Panduren und gemüthlichen, vaterländischen Gendarmen.

Auch "österreichische" Bauern und Bursche kommen stets über die nahe Grenze als Käufer und Gäste herüber, und verhelfen dem festlichen Tage mit ziemlicher Regelmäßigkeit zur kräftigen Würze schliesslicher freundnachbarlicher Raufereien zwischen "Ungarn" und "Oesterreichern" - nationale Kämpfe, die auf den unbefangenen Zuseher um so erheiternder wirken, da er hier in beiden Parteien doch nur die gleichen, guten ehrlichen, bajuvarisch-deutschen Waldbauern zu erkennen vermag - ungeachtet des "magyarischen" Kleides, der weissen Pluderhosen, der dunkelblauen, reich- und grossbeknöpften Jacken der heanzischen Streiter. Auf dem Tanzboden geht's erst recht zu wie bei uns zu Hause, im Wienerwalde, auch. Dasselbe unendliche Melodiengedudel der "Deutschen" und "Ländler". - Nach jedem Tanze aber sondern sich die Geschlechter wieder, die Burschen gehen zum Wein oder zur Kegelbahn, die Mädchen bleiben im Saale zurück, und ihre plaudernde, dicht zusammengedrängte Schaar bietet nun einen eigenartigen Anblick: im Gegensatze zu der bunt-, ja grellfarbigen Tracht unserer Bäuerinnen, sind hier Alle in tiefdunkler, meist ganz schwarzer Kleidung erschienen; nicht ein helles Bändchen flattert auf; auch dies eine Folge der strengen, alle Farbenfreudigkeit verpönenden Zucht des Protestantismus.

Ich musste am Sonntage nach dem eben geschilderten Marktfeste dort eine Predigt des zelotischen Pastors mit anhören (sie blieb die einzige), die, voll harter, starrer Bibelrhetorik, liebloser Verdonnerung und Strafreden gegen Putz- und Tanzlust, endlich mit einer deutlichen Anspielung auf gewisse harmlose Herzspendungen, in den Worten gipfelte: "Und Ihr, Frauen und Mädchen, trachtet doch die Reinheit Eurer Herzen zu bewahren und hütet Euch davor, Sie gegen das Linsengericht eines Lebkuchens auf's Spiel zu setzen!" Beide Confessionen leben übrigens in leidlichem Frieden miteinander; Alle im Lande aber, Katholische und Evangelische, Deutsche wie Magyaren, üben noch die schöne Tugend der Gastfreundschaft in liebenswürdigster und ganz vorbehaltloser Weise.

Da gab es am Kirchweihfeste grosse geistliche Diners, bei denen - einigen magyarischen Spitzen zuliebe - alle officiellen Toaste im klingendsten Magyarisch ausgebracht, alle Privatgespräche dagegen im gemüthlich-weichen, bajuvarischen Deutsch geführt wurden, wo in die Special-Toaste mit den landesüblichen Wendungen: "Auf eine gute Meinung" oder "Gott erhalte uns", plötzlich die scharf herüberkommende und erfreulich muthvoll verneinte Frage eines Domherrn an einen jungen Caplan hineinklang, ob dieser schon Anstalten getroffen habe, seinen Namen magyarisieren zu lassen? - Dann wieder verlebte ich manchen Plauderabend im Hause des protestantischen Pastors zu S., eines wirklich trefflichen, ernsten jungen Mannes, der als einziger Stockmagyar inmitten seiner kerndeutschen Gemeinde, durch seine Frau ("die geistliche Frau", wie sie auch in unserem Gebirge genannt wird), eine deutsche Schullehrerstochter, und einige gute deutsche Bücher (Schlosser's "Weltgeschichte" und - Brehm's "Thierleben") allmälig zu einem leidlichen deutschen Prediger heranerzogen worden war.

Am gemüthlichsten freilich sass es sich stets wieder mit den Landsleuten beisammen, am Wirthshaustische unter den deutschen Bauern, mit den blondbärtigen Schullehrern, oder inmitten der ganzen Familie eines Hofes; wobei freilich nicht verschwiegen bleiben soll, dass das Wohlbefinden des Gastes schon für die nächste Zukunft argen Erschütterungen entgegenging durch die contrastreichen Tafelgenüsse weniger Stunden, und dass er die Reihe derselben, also etwa: erfrischende kalte Milch mit Schwarzbrot, dann etliche Teller voll Birnen und Pflaumen, Hühnersuppe, Spritzkrapfen mit altem Seewein, endlich ein paar Gläser eben frisch ausgepressten Aepfelmostes, nicht ohne berechtigtes banges Vorgefühl mit erledigen half.

Die stylvollsten und bedeutsamsten Eindrücke im Heanzenlande empfängt man aber doch immer wieder beim Besuche seiner mächtigen Schlösser und Burgen, wenn man auf den gewaltigen braunen Bastionen von Bernstein oder Schlaining steht, und hinaussieht in die herrliche weite Berglandschaft, oder indem man die imposanten Ruinen von Landsee oder Güssing, einst deutsche Adelssitze, durchstreift, lenken sich die Gedanken immer wieder auf die geschichtlichen Schicksale auch des Landes ringsum.

(c) Dezember 1999 Albert Schuch